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Glauben im Alltag - gar nicht so einfach

Was hat mein Glaube mit meinem Alltag zu tun? Hinter dieser Frage steckt die Erwartung, dass Glaube und Alltag miteinander verbunden sind. Hinter der Frage steckt aber auch die Ahnung, dass Glaube und Alltag nicht unbedingt dasselbe sind.

Hier das Handeln, Denken und Fühlen im Glauben an Gott – dort die  Zwänge, Kräfte und Ängste, die im Alltag auf uns einwirken. Jeder, der sich selbst als gläubigen Menschen versteht, kennt die sich wiederholende Erfahrung, dass er zu wenig liebevoll, zu wenig dankbar, zu wenig vertrauensvoll, zu wenig hingebungsvoll – also zu wenig christlich – lebt.

Wer sein Leben christlich gestalten will, bleibt oft hinter dieser Absicht zurück. Manchmal scheinen der Glaube und der Alltag sogar etwas Gegensätzliches zu sein. Dabei geht es im letzten aber nur um die Frage: Welche Rolle spielt meine Beziehung zu Jesus in meinem Alltag und wie zeigt sie sich?

Anfechtungen und Versuchungen

Sorgen und Ängste, Stress und unerfüllte Wünschen können dem Versprechen Gottes im Wege stehen und es anfechten. Sein Versprechen lautet: „Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich gefallen gefunden – ICH BIN DA.“

Die Bibel nennt diese Kräfte und Zwänge, die zwischen mir und Gottes Versprechen stehen können, „Anfechtungen“ oder „Versuchungen“.

Der Dichter Jochen Klepper hat die Situation des Angefochtenseins einmal so ausgedrückt:

Ohne Gott bin ich ein Fisch am Strand,
ohne Gott ein Tropfen in der Glut,
ohne Gott bin ich ein Gras im Sand
und ein Vogel, dessen Schwinge ruht.
Wenn mich Gott bei meinem Namen ruft,
bin ich Wasser, Feuer, Erde, Luft.

Ob ich diesem Versprechen traue, entscheidet darüber wie sich der Glaube auf das Leben auswirkt und ob wie/ob ich Gottes Liebe erlebe. Seine Liebe ist eine schon immer auf mich wartende Liebe. So, wie im Gleichnis vom verlorenen Sohn der Vater auf den geliebten Sohn wartet.

Gott ruft mich aus den Anfechtungen und Versuchungen heraus. Genau das ist die Frohe Botschaft, das ist das Evangelium: Ich bin Kind Gottes.

Annehmen und Ernstnehmen

Durch Gottes Liebe, die mich zu seinem Kind und damit bedeutend macht, brauche ich mich nicht selber bedeutend zu machen. Gott schenkt mir eine Würde, die mir sonst niemand geben kann. Das Annehmen und Ernstnehmen dieser Würde ist die Voraussetzung dafür, dass mein Glauben Auswirkungen auf mein Leben hat.

Dass es im Glauben etwas für mein Leben zu lernen gibt, wird daran deutlich, dass Jesus seine Jünger und Jüngerinnen in seine Nachfolge gerufen hat. Dieser Ruf in die Nachfolge Jesu wird im Neuen Testament als Weg beschrieben, als Prozess, als Entfaltungs- und Wachstumsweg. Glaube ist etwas anderes als die Anerkennung von bestimmten religiösen Ansichten. Glaube im neutestamentlichen Verständnis ist ein Weg der Verwandlung, auf dem Gott mich begleitet.

Der Raum, den ich Gott für diese Verwandlung gebe, ist Entfaltungsraum für das, was mit der Nachfolge Jesu verbunden ist: Liebesfähigkeit, Freiheit, Freude, Dankbarkeit, Geduld, Hoffnung, Achtsamkeit, Mut … Theologisch oder moralisch wissen, was richtig und falsch, fromm oder unfromm ist, ist nicht der Kern des Glaubens, sondern dass wir Gott den Raum geben, im eigenen Leben wirksam zu werden.

Der Duft des Glaubens

Mahatma Gandhi wurde einmal von christlichen Missionaren gefragt, was sie tun müssten, damit die Hindus die Bergpredigt, das Sinnbild für den christlichen Glauben, annehmen. Seine Antwort lautete: „Denken Sie an das Geheimnis der Rose. Alle mögen sie, weil sie duftet. Also duften Sie, meine Herren!“

Doch wonach riecht unser Glaube? Manch einer würde vielleicht sagen nach Weihrauch. Doch an dieser Stelle ist etwas anderes mit Duft gemeint – eher das Gefühl, das ein verlockender, verheißungsvoller Frühlingduft auslösen kann.

Dazu müssen wir aber fragen: Was ist verheißungsvoll an unserem Glauben? Die Antwort: Es sind ganz elementare Dinge, die in der Gesellschaft oft zu kurz kommen. Dankbarkeit, Vertrauen, Hoffnung, der ehrliche Umgang mit Schuld und Versagen, Mut, Zuhören, Nähe, Achtsamkeit, Liebe, Vergebung, Wärme, Geborgenheit, Freiheit, Stille, Gewissheit, Hingabe …

 

Feste Formen und Rituale

Feste Formen und Rituale können eine Hilfe sein, damit Gott im Leben Raum gewinnen kann. Diese festen Formen und Rituale wirken wie eine Unterbrechung im Alltag und erinnern immer wieder an sein Versprechen.

Die Unterbrechung des Alltags wird zum Beispiel durch das Gebot „Du sollst den Sonntag heiligen“ ausgedrückt.

In den Evangelien wird immer wieder beschrieben, dass Jesus sich regelmäßig allein in die Stille zurückzieht, um sich Gott zuzuwenden und zu beten. Gerade das Unterbrechen des Alltags macht den Glauben tauglich für den Alltag.

Dabei sind Gottesdienst und Gebete, Stille, das Lesen in der Bibel, Gespräche über den Glauben … – all das in einer gewissen Regelmäßigkeit – nicht unbedingt immer spannende und begeisternde Übungen. Dennoch sind sie für die Verankerung des Glaubens im Alltag unerlässlich, da sie dabei helfen, auf Gottes Wort zu hören und das Vertrauen auf ihn zu stärken.

Fulbert Steffensky hat diese Grundformen des Hörens im christlichen Glauben einmal „Schwarzbrotspiritualität“ genannt. Er meint damit das Einfache, das aber unbedingt nötig ist.

Die Unterbrechungen des Alltags sind kein Rückzug aus dem Alltag, sondern Gelegenheiten für Gott und mich um miteinander bewusst in Kontakt zu sein.

Entdeckungsspiritualität

Neben der „Schwarzbrotspiritualität“ gibt es etwas, das „Entdeckungsspiritualität“ genannt werden kann.

Mit Entdeckungsspiritualität ist das erwartungsvolle Hineingehen in den Alltag gemeint. Jesus hatte keinerlei Berührungsängste mit der Welt um sich herum. Denn: Gott zeigt sich im Alltag, in einer besonderen Begegnung, in einem plötzlichen Moment gelungener Nähe, in einer Schönheit des Lebens, in einer besonderen Aufgabe.

Entdeckungsspiritualität ist der Mut, sich auf das Leben einzulassen, es zu wagen, zu suchen und auszuprobieren, und dabei aus dem Vertrauen auf Gott heraus gespannt zu sein, wo er plötzlich mitten im Alltag aufglänzt.

Dieses Entdecken kann eingeübt und geschult werden. Eine Möglichkeit ist die Achtsamkeit.

Achtsamkeit - Im Hier und Jetzt sein

Im Alltag hetzen wir oft von einer Situation zur nächsten, denken beim Frühstück darüber nach, was bei der Arbeit ansteht und während der Arbeit planen wir, was am Abend noch erledigt werden muss. Dem Hier und Jetzt schenken wir selten die volle Aufmerksamkeit. Achtsamkeit kann der Schlüssel sein, dem Hier und Jetzt – und damit Gottes Wirken -aufmerksam gegenüber zu sein.

Achtsamkeit ist mehr als nur ein Modewort – sie hilft nicht nur den Alltag zu entschleunigen, Stress zu reduzieren und die Lebensqualität zu verbessern, sondern vor allem dabei, sensibel und aufmerksam für Gott zu sein.
Achtsamkeit ist eine Form der Meditation. Sie stammt ursprünglich aus dem Buddhismus, und fand bereits früh in der Geschichte des Christentums Eingang die die christliche Spiritualität.

Achtsam sein heißt Momente bewusst zu erleben und auf seine inneren Regungen zu horchen – ohne zu bewerten. Im folgenden sind fünf einfache Achtsamkeitsübungen für jeden Tag zu finden.

1. Innehalten

Zwischen den verschiedenen Abschnitten des Tages bietet sich einfaches Innehalten an, um Kraft zu tanken, zur Ruhe zu kommen und um zu Fragen: Hey Gott, was wolltest du mir mit dem gerade passierten sagen?

Zum Innehalten braucht es nicht viel mehr als eine Minute. Setz oder stell dich bequem hin, und beobachte, wie der Atem fließt. Richte die Aufmerksamkeit auf deinen Körper: Du kannst dich auf die Stellen fokussieren, die du gerade spürst oder einfach deinen Körper als Ganzes wahrnehmen. Beobachte dann deine Gefühle, frag dich, wie es dir geht und schau, was passiert. Achte dabei darauf nicht zu werten, sondern nur zu beobachten. Das mag am Anfang herausfordernd sein, wird mit der Zeit aber immer einfacher.

2. bewusst gehen

Die Zeit, während des Gehens, kann genutzt werden, um sich zu fokussieren und die Gedanken zu beruhigen. Gehen ist eine so automatisierte Bewegung, dass wir sie kaum bewusst wahrnehmen. Bei der Gehmeditation geht es aber genau darum.

Konzentriere dich auf dem Weg zum Einkaufen, zur U-Bahn, beim Treppensteigen oder beim Spazierengehen aufs Gehen. Nimm wahr, wann deine Füße den Boden berühren, welche Muskeln sich an- und entspannen. Beobachte dein Tempo: Wirst du langsamer oder schneller?

Auf diese Weise bewegst du dich bewusst im Hier und Jetzt und verschaffst deinen Sorgen eine Pause – das wirkt entspannend.

3. bewusst atmen

Für die Atemübung sind etwa zehn bis zwanzig Minuten einzuplanen.

Setze dich dazu mit geschlossenen Augen aufrecht und entspannt hin. Konzentriere dich auf deinen Atem. Beobachte, wie du ein- und ausatmest, ohne den Atmen zu verändern oder zu kontrollieren. Lass den Atem zunächst einfach kommen und gehen. Nimm dann wahr, wo er am deutlichsten zu spüren ist, wie er sich an den Nasenlöchern anfühlt …. Achte dann auf deinen Brustkorb, wie er sich hebt und senkt, sich ausdehnt und zusammenzieht.

Tipp: Meditiere bei jedem Einatmen die Worte „Ganz mein“ und beim Ausatmen die Worte „Ganz dein“. Adressat der Worte ist jeweils Jesus.

Wenn du bemerkst, dass deine Gedanken abschweifen, lass sie ziehen und kehre zurück zur Beobachtung deines Atems.

4. achtsam essen

Jede Mahlzeit eignet sich ebenfalls dazu, Achtsamkeit zu trainieren. Spüre vor der Mahlzeit in dich hinein: Hast du Hunger oder Appetit? Mit welcher Stimmung setzt du dich an den Tisch? Betrachte das Essen, wie es aussieht und sich zusammensetzt. Mache bewusst ein Kreuzzeichen und danke Gott für die Gaben seiner Schöpfung. Konzentriere dich dann auf das essen an sich, rieche am Essen, beobachte aufmerksam, wie das Essen zum Mund geführt wird, wie es sich anfühlt, wie es schmeckt. Kaue bewusst und langsam.
Tue dies mindestens bei den ersten fünf Bissen deiner Mahlzeit. Wenn du fertig bist mit Essen, beobachte, wie sich dein Körper jetzt anfühlt: Bist du satt? Fühlst du dich zufrieden?

Diese Übung hilft nicht nur, bewusster zu essen. Sie schafft auch ein Bewusstsein für die Lebensmittel, die wir zu uns nehmen und die Menge, die wir essen. Im hektischen Alltag schlingen wir unsere Mahlzeiten oft nebenbei herunter – ohne wahrzunehmen, was wir da eigentlich essen, woher es kommt, und das es sich um Gaben aus Gottes Schöpfung handelt.

5. dankbar sein

Diese Übung eignet sich besonders kurz vor dem Schlafengehen.

Gehe den vergangenen Tag durch: Überlege, was dich bewegt hat und für welche Erlebnisse, Menschen und Dinge du heute Dankbarkeit verspürst. Konzentriere deine Wahrnehmung dann für jeweils mindestens 20 Sekunden auf die Sachen, für die du dankbar bist. Das erhöht deine Achtsamkeit für die schönen Dinge, die dir im Alltag begegnen.

Achtsamkeit und Minimalismus

Bewusster leben und sich auf das Wesentliche konzentrieren stehen bei der Achtsamkeit und beim Minimalismus im Mittelpunkt. So bedingen sich die beiden Konzepte gegenseitig. Indem man im Alltag Achtsamkeit praktiziert, werden beispielsweise unnötige Impulskäufe vermieden, da gefragt wird: Brauche ich das überhaupt? Wieso will ich das haben?

Achtsamkeit und Minimalismus sind ähnliche Konzepte.
Der Minimalismus, als Gegenbewegung zum Konsum, zielt darauf ab, sich von Ballast zu befreien. Was dabei materiell geschieht, wirkt sich auch auf die Psyche aus. Denn wer wenig besitzt, muss sich auch um weniger kümmern und sich um weniger Gedanken machen. Jesus spricht hierbei von der rechten Sorge. Genau darum geht es auch bei Achtsamkeitsübungen: Ballast in Form von belastenden Gedanken abzuwerfen. Je weniger über bestimmte Dinge gegrübelt wird, desto mehr kann das Hier und Jetzt und Gottes Handeln seinen Platz haben.

Achtsamkeit ist auch nachhaltig: Wer achtsamer mit sich selbst und seiner Umwelt umgeht, konsumiert bewusster – und weniger. Achtsam zu leben, bedeutet auch, Dinge und Momente stärker wertzuschätzen und so nicht ständig nach dem Neuen, Besseren jagen zu müssen.