09.06.2026
Erwachsene

Vom Altar auf den Hochsitz

Vom Altar auf den Hochsitz! Messgewand und Lodenmantel passen prima zusammen!

Die allermeisten kennen mich als Pastor im Messgewand oder Priesterkragen, aus der Kirche oder der Gemeindearbeit im pastoralen Raum Dortmunder Westen. Ich tausche aber das Messgewand oder den schwarzen Anzug gerne gegen robuste Kleidung aus grünem Loden. Dann zieht es mich nämlich raus in den Wald, in die Natur oder auf den Hochsitz.

 
(„sportlicher“ Hochsitz)                    (Herde mit Muffeln (Wildschafe) gesehen von einem Hochsitz)

Dort lebe und erlebe ich meine „Passion“ die mich schon lange fesselt. Ich habe den Jagdschein und praktiziere alles, was damit verbunden ist. Damals stand übrigens alternativ zum Theologiestudium das Studium der Forstwirtschaft in Göttingen. Was letztlich raus geworden ist, wissen sie längst. Trotzdem werden sich vielleicht einige an dieser Stelle fragen: „Wie ist das denn kombinierbar – katholischer Priester und Jäger?“ Meine Antwort: „Es ist kombinierbar!“

Zunächst ist der Begriff „Jäger“ vielleicht irritierend, denn die Zeit, in der ein Jäger auf die Jagd ging, um seine Ernährung zu sichern, ist lange vorbei. Auch gehe ich heute als Jäger nicht los, um auf dem Hochsitz wahllos zu schießen. In erster Linie verstehe ich mich als „Umweltschützer“, und so sehen das die allermeisten Jäger auch. Wir gehen in ein bestimmtes Revier, und „hegen“ Wild und Natur, versuchen ein ökologisches Gleichgewicht zu gewährleisten oder wiederherzustellen, beobachten und freuen uns an der Natur.  Wir legen Biotope für Insekten und Amphibien an, sprechen mit Landwirten über Blühstreifen neben ihren Feldern oder legen Wildäcker an. Aktuell ist die Brut- und Setzzeit. Von April bis Juli bringen nämlich die meisten Wildtiere ihren Nachwuchs zur Welt. Eine Aufgabe fällt daher besonders in die „ehrenamtliche“ Arbeit der Jäger. Immer dann, wenn ein Landwirt seine Wiesen mäht, sagt er uns im Idealfall Bescheid!

Warum, werden wieder einige fragen, braucht es dafür Jäger. Die Antwort liegt in der Jahreszeit. Die Ricken, das sind weibliche Rehe, bringen ihre Kitze im hohen Gras zur Welt, damit sie nicht von Fressfeinden gesehen werden. Sie sind geruchlos und haben die markanten weißen Flecken auf dem Rücken, damit sie zwischen Gänseblümchen und Pusteblumen bestens getarnt sind. In ihrer „DNA“ ist fest installiert, am abgelegten Platz liegenzubleiben, egal was passiert. Ein Landwirt, der seine Wiese mäht, muss also immer mit Kitzen im hohen Gras rechnen. Dann kommen wir ins Spiel, oder besser eine Drohne mit Wärmebildkamera oder unsere Hunde mit ihrer feinen Nase! Die Drohne wird über das zu mähende Feld gesteuert.

 
(Drohne im Einsatz)                         (Michel im Einsatz)

Das geschieht am Besten in der Morgendämmerung. Zeigt die Kamera einen weißen Fleck an, kann man davon ausgehen, dass dort ein Kitz liegt.


(Kitzrettung in der Kreisjägerschaft Dortmund)

Danach gehen wir zu der Stelle, nehmen mit Handschuhen und Gras das Kitz auf und legen es in einer Box an den Feldrand. In der Box ist das Kitz sicher, denn wenn es nicht in einer Box wäre, würde es als Fluchttier wieder zurück ins hohe Gras laufen. Die Handschuhe sind auch sehr wichtig, um nicht den Geruch von uns Menschen zu übertragen. Würde menschlicher Geruch übertragen, würde die Ricke ihr Kitz nicht mehr annehmen. Wenn der Landwirt die Wiese gemäht hat, wird das Kitz wieder freigelassen. Die Ricke hat aus der Entfernung alles im Blick und wird ihr Kitz an eine neue sichere Stelle legen. Im vergangenen Jahr konnten die Jäger in Dortmund in zehn Wochen 780 Hektar Wiesenfläche 96 Kitze, ein Damwildkalb, Junghasen und Gelege von Bodenbrütern vor dem Mähwerk retten. Das ist für uns aktiver Umweltschutz und Bewahrung der Schöpfung.


(Rollende Waldschule am Kindergarten St. Magdalena mit einem unserer erfahrensten „Pädagogen“ Gerd Beverungen, rechts)

Mir persönlich ist auch Bildungsarbeit sehr wichtig. In Kindergärten und Grundschulen kommt die „Rollende Waldschule“ der Kreisjägerschaft Dortmund zum Einsatz. Dort wird unseren „Jüngsten“ an Präparaten gezeigt, welche Tiere wie und wo mit uns in „Nachbarschaft“ leben. Außerdem lernen unsere Kinder, welche Bäume und Pflanzen bei uns heimisch sind und wie wir Tiere und Pflanzen besser schützen können.

Für mich persönlich ist die Zeit in der Natur und auf dem Hochsitz aber noch viel mehr – Zeit, Gott für seine wunderbare Schöpfung zu danken, die er uns überlassen hat, damit wir verantwortlich mit ihr umgehen.


(Blick vom Hochsitz)

Es sind auch die „gesellschaftlichen“ Bilder in meinem Kopf, dass „Jemand“ oder „Etwas“ so oder so auszusehen hat. Ein Hirsch ist braun und trotzdem sehe ich dann auf dem Hochsitz etwas anderes. Ein Hirsch ist in den allermeisten Fällen braun, aber Gott hat Phantasie mit seiner Schöpfung! Unsere Gesellschaft legt diese Bilder, wie Menschen zu sein haben (leider) auch fest!


(weißer Damhirsch im Mai 2025)

Zeit, meinen Gedanken nachzugehen, Zeit über „Bistumsprozesse“ und Veränderungen in unserem PV nachzudenken, erlebten Ärger hinter mir zu lassen, zu beten oder vor Freude darüber zu weinen, wenn ein Kitz unbefangen über die Wiese springt, und die Ricke es „zurückpfeift“!

Für mich ist die „Jagd“ auch Seelsorge am Menschen, denn fast alle Jäger haben Sinn- und Lebensfragen, glauben an Gott, haben aber keinen Kontakt zur Kirche oder den Kontakt verloren. In den Jahren der Gemeinschaft mit „meinen“ Jägern entstanden und entstehen ganz oft viele sehr gute (Seelsorge-) Gespräche außerhalb einer festen Gemeindestruktur. Und ich – mitten drin!


(Gespräch unter Jägern)

Außerdem gibt es inzwischen einmal im Jahr die Hubertusmesse in St.  Magdalena Lütgendortmund, in der vor allem unseren jüngsten Kirchenbesuchern klar gemacht wird, dass wir im Auftrag des Schöpfers für seine Schöpfung unterwegs sind.


(Hubertusmesse im November 2025 in St. Magdalena Lütgendortmund)

Danke, Du liebender, guter, großartiger und barmherziger Gott, dass ich all das erleben und für Dich tun darf!

Quintessenz: Messgewand und Lodenmantel passen prima zusammen!

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