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Nachgedacht

An einem schönen Sommertag war um die Mittagszeit eine Stille im Wald eingetreten. Die Vögel steckten die Köpfe unter die Flügel – alles ruhte.

Da steckte der Buchfink sein Köpfchen hervor und fragte: Was ist das Leben?

Alle waren betroffen über diese schwere Frage.

Eine Rose entfaltete gerade ihre Knospe und schob behutsam ein Blatt ums andere hervor. Sie sprach: Das Leben ist eine Entwicklung!

Wenig tiefer veranlagt war der Schmetterling. Lustig flog er von einer Blume zur anderen, naschte da und dort und sagte: Das Leben ist lauter Freude und Sonnenschein!

Drunten am Boden schleppte sich eine Ameise mit einem Strohhalm, zehnmal länger als sie selbst, und sagte: Das Leben ist nichts als Mühe und Arbeit!

Geschäftig kam eine Biene von einer honigreichen Blume zurück und meinte dazu: Das Leben wechselt ab mit Arbeit und Vergnügen!

Sie stellte sich vor, wenn sie den Honig aus den Blüten holt, das ist ein Vergnügen, aber wenn sie Waben baut, das ist Arbeit.

Wo so weise Reden geführt werden, steckte der Maulwurf seinen Kopf aus der Erde und sagte: Das Leben ist ein Kampf im Dunkeln – dann verschwand er.

Die Elster, die selbst nichts weiß und nur vom Spott der anderen lebte, sagte: Was ihr für weise Reden führt; man sollte wunder meinen, was ihr für gescheite Leute sein.

Es hätte nun einen großen Streit gegeben, wenn nicht ein feiner Regen eingesetzt hätte, der sagte: Das Leben besteht aus Tränen, nichts als Tränen! Dann zog er weiter zum Meer. Dort brandeten die Wogen und warfen sich mit aller Gewalt gegen den Felsen, kletterten dann in die Höhe und warfen sich wieder mit gebrochener Kraft ins Meer zurück und stöhnten: Das Leben ist ein stetes vergebliches Ringen nach Freiheit!

Hoch über ihnen zog majestätisch ein Adler seine Kreise, der frohlockte: Das Leben ist ein Streben nach oben!

Nicht weit davon stand eine Weide; die hatte der Sturm schon zur Seite geneigt. Sie sprach: Das Leben ist ein sich Beugen unter einer höheren Last.

Dann kam die Nacht.

In lautlosem Fluge glitt ein Uhu durch das Geäst des Waldes und krächzte heiser: Das Leben heißt die Gelegenheit nutzen, wenn die anderen schlafen!

Schließlich wurde es still im Walde.

In der Stadt löschte der Professor die Lampe aus und dachte: Das Leben ist eine Schule!

Nach einer Weile ging ein Mann durch die menschenleere Straße nach Hause. Er kam von einer Lustbarkeit: Das Leben ist eine fortwährende Jagd nach Vergnügen und eine Kette von Enttäuschungen!

Morgens weht ein leichter Wind durch die Straßen. Das Leben ist ein Rätsel!

Auf einmal flammte die Morgenröte in ihrer vollen Pracht auf und sprach: Wie ich, die Morgenröte, nur der Beginn des kommenden Tages bin, so ist das Leben der Anbruch der Ewigkeit.

Nachgedacht